Essay der Kunsthistorikerin Anke Zeisler

In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.
Herrmann Hesse

Die Vereinten Nationen erklärten 2006 in einer Resolution das Jahr 2011 zum Internationalen Jahr der Wälder „ ... in der Überzeugung, dass auf allen Ebenen... bewusstseinsbildende Maßnahmen durchgeführt werden sollen, um die nachhaltige Bewirtschaftung, die Erhaltung und die nachhaltige Entwicklung aller Arten von Wäldern zum Nutzen heutiger und künftiger Generationen zu stärken..."

Kurz vor dieser Initiative hatte sich Anett Münnich entschlossen, ihren lange gehegten Wunsch umzusetzen: Im Jahr 2005 begann sie freiberuflich als Malerin zu arbeiten. Es war besonders die Farbe; deren Faszinosum hatte sie motorisiert, sie wollte erkunden, probieren und immer wieder experimentieren. Da fand sie zunächst die Stadt(-Landschaft), Metropolen in ihrer ganzen Attraktivität: Architektur und urbanes Leben und vor allem deren farbig-atmosphärisches Oszillieren. Städte wie New York oder Paris oder die Farben Italiens als Anlass für bildnerisches Versuchen.

Aber dann war es damit genug. Sie schreibt: Stadtlandschaften habe ich bis 2012 gemalt. Danach fragte ich mich ...was mich wirklich interessiert...mit dem Ergebnis, dass es mich an meine Wurzeln zurückgebracht hat, dem Leben in und mit der Natur.

Der Wald kam ihr in den Sinn; sie war ja aufgewachsen in einer waldreichen Gegend. Keine Landschaft ist ihr vertrauter und gleichzeitig – das wurde ihr immer mehr bewusst - für bildnerische Erforschungen interessanter als diese wandelnde Erdgesellschaft aus Bäumen, Sträuchern, Moosen, Kräutern, Gräsern, Pilzen und seinen „Bewohnern", den Tieren. Da treffen sich formale Anregung und ethisches Anliegen: Wir sollen und müssen die Wälder stärker in unser Denken und Handeln einbeziehen. Und was – außer der Natur selbst – könnte uns da eindringlicher, inspirierender, verschiedenartiger, emotionaler und schöner erreichen als die Kunst, die sich diesem widmet? Über den Umweg ihrer Idee höchst filigraner Landkartenschnitte im Jahr 2016 entdeckte sie zudem Techniken des Zer- und Übereinanderlegens von Farbelementen und das bildnerische Mittel der Linie.

Anett Münnich probiert und kombiniert malerische, collageartige, zeichnerische und grafische Techniken, denen ein aus der Natur entnommenes Formenarsenal scheinbar zugrunde liegt. Tatsächlich aber sind es nicht Fotos oder Arbeiten vor der Natur, sondern Imaginationen, erinnert-erdachte und auf dem Bildgrund entwickelte Anmutungen einer Baumlandschaft, eines Dickichts oder eines Vogelblicks auf die Erde. Da kommen dann auch Überlagerungen, Farb- und Materialschichtungen ins Spiel. Manchmal auch das Licht wie in ihren Acryl-Blöcken sculptura sensibus. Wenn es wandert, bewegen sich mit ihm die Schatten der papiernen Lineaturen. Aus der Anmutung von Bewegung kann so eine tatsächliche werden.

Dabei streben diese Werke, alle und auf verschiedene Art, nach Loslösung von allseits bekannten Erscheinungen des Realen, ohne es ganz zu verwerfen. Anett Münnichs Bilder verwandeln Waldstücke in surreal verschachtelte Räume mit rätselhaften Farbeinschlägen. Sie gibt ihnen Titel wie Reigen oder Karneval der Bäume. In ihren Blättern filiert sie fantasievoll und organisch Verzweigungen und kartografische Linienverläufe bis hin zu farbigen Abstraktionen. Alle diese künstlerischen Entwicklungen kann man als subtile Rufe nach Freiheit deuten, dem ungezwungenen Nachgeben, dem Spiel, das dem Flüstern der Natur folgt und das jenes innere Gesetz, für das Hermann Hesse uns seine so treffenden Worte hinterließ, zur Erfüllung bringen will.

© 5. April 2018, Anke Zeisler

Auszug aus der Laudatio des Kulturjournalisten Matthias Reichelt

(Auszug aus der Rede von Matthias Reichelt zur Eröffnung der GEHAG-Ausstellung mit Ernst Baumeister, Josef Lang, Peter Lang und Anett Münnich 16.3.2016 )

… Am Anfang standen Aquarelle, in denen sie Motive aus der Natur, aber auch der Stadt verarbeitete. Zum Beispiel aquarellierte sie während eines Aufenthalts in New York Citysie sich im Zentrum Manhattans einer anderen Art der plein air-Malerei inmitten des tosenden Verkehrs am Time Square widmete. Die Quirligkeit, das Durcheinander von fallenden und horizontalen Linien, das Gewimmel und die aufblitzenden und grellen Leuchtreklamen, sowie die energetische und laute Vitalität der Stadt „that never sleeps“, wie es Frankieboy so unvergesslich gesungen hat, wurden in bunten Farben auf das Papier gebracht. Doch eigentlich war es die Vielfalt der Natur und deren Lebendigkeit, die Münnich motivisch begeisterte. Aufgewachsen ist sie in einer Brandenburger Försterei inmitten einer Naturidylle mit Zucht- und Wildtieren. Wahrscheinlich sind diese Eindrücke prägend gewesen für Münnichs Kunst, in der die natürliche Pflanzenwelt zur Initiation für den malerischen Umgang mit Struktur, Farben und Licht wurde. Von den anfangs noch eher naturalistisch anmutenden Motiven hat sich die Malerei im Prozess allmählich gelöst und ist in abstrakteren Gefilden gelandet, ohne die Herkunft völlig verschwinden zu lassen oder zu verleugnen. Schwarze Linien in einem wilden Durcheinander überziehen die Leinwand und begrenzen farbige Flächen. Bunte Blätter in herbstlichen Farben, oder könnten es auch exotische Schmetterlinge sein, die sich hier in einem Dickicht tummeln, das nur spärlich von durchscheinendem Hell einer entfernten Lichtung durchdrungen wird. Auf keinen dieser Bilder sind Menschen auszumachen und auch keinerlei wirklich erkennbare Wesen der Fauna.

In ihren Acrylgemälden hat sie neben der traditionellen Malerei mit Pinsel eine eigentümliche Drucktechnik verwandt. Dafür wird Farbe auf einen Bildträger aufgetragen, meist verwendet Münnich dafür eine Kunststofffolie, die sie an der von ihr vorgesehenen Position auf die Leinwand drückt, um sie anschließend wieder abzuziehen. Mit diesem Verfahren trägt die Künstlerin viele Schichten auf, arbeitet mit Pinsel nach, so lange, bis für sie peu à peu ein zufriedenstellender Zustand mit der richtigen Balance zwischen völliger Abstraktion und Naturanmutung erreicht ist.

Aus der Kombination von Druck und Malerei entsteht so allmählich eine mythische Landschaft, die als Abstraktion aller Naturerfahrungen eine idealisierte Konzentration ist, die der Mensch nur noch selten in dieser Reinheit antrifft. Es sind Bilder, die als abstrakte Kunst gesehen werden können, aber allmählich doch den Verdacht nähren, dass wir es mit urwaldartigen Landschaften zu tun haben, die dazu einladen, unsere Fantasie spielen zu lassen. Wer sich animiert fühlt, wird sich virtuell durch das Gestrüpp und Unterholz arbeiten und dabei eigene Erkenntnisse sammeln.

Der britische Romancier und Philosoph John Cowper Powys schrieb 1929 in seinem Meaning of Culture: „Stellen wir uns zwei Menschen vor, die auf einer hochragenden Klippe am Meeresufer stehen. Der eine sei damit beschäftigt, die Vegetation am Rand der Klippe biologisch und chemisch zu untersuchen. Dem anderen geht immer mehr das tiefste Geheimnis von Land und Meer auf, er spürt die Drehung der Erdkugel, wie sie auf ihrem Weg durchs All der Sonne folgt. Muss man nicht zugeben, dass dieser die reichere und tiefere Kultur hat.“

Münnich scheint eher dem Geheimnis der Natur auf der Spur zu sein und es ist vielleicht dieser ganzheitliche Aspekt von Natur, dem Münnich in ihren Naturbildern vorschwebt und den sie auch bedroht sieht. Dies bringt mich zu einer anderen Serie von Bildern, die hier zu sehen ist. In den von ihr als Papierschnitte bezeichneten Arbeiten legt sie Landkarten zugrunde, aus denen sie säuberlichst alle belassenen Naturflächen herausschneidet. Somit entsteht eine Kartografie des menschlichen Eingriffs bzw. der „Landnahme“, wie der Serientitel lautet klare Kritik an der menschlichen Anmaßung, sich die Natur gänzlich einzuverleiben und mit der Versiegelung der Böden mittels Betonierung auf lange Sicht auszulöschen...

 

Pleinair malen in New York

Pleinair zu Malen ist eine Herausforderung - erst recht, wenn man das in einer der aufregendsten Städte dieser Welt tut. Im April und Mai 2010 war ich in New York und habe dort auf Straßen und Plätzen, unter der Brooklyn Bridge und auf der Dachterrasse eines Wolkenkratzers gemalt - ein ganz besonderes Abenteuer, was sich sehr nachhaltig auf meine Art Kunst zu machen ausgewirkt hat.

Ich habe von früh bis in die Nacht gemalt, auf dem Times Square sogar bis in die frühen Morgenstunden. Es wurde zur Sucht, jede Minute zu nutzen, um in Farbe zu erfassen, was um mich herum geschah. Als Schmelztiegel unzähliger Kulturen hat sich New York zu einem Ort mit ganz eigener Energie und Bewegung entwickelt. Dies malerisch zu entdecken und festzuhalten war das Ziel dieser Reise. Mit über 20 Arbeiten im Gepäck, den Kopf voller neuer Ideen und den Drang, all dies rauszulassen, flog ich wieder nach Deutschland zurück. Im Nachgang dieser Studienreise entstand eine umfangreiche Serie großformatiger Mixed-Media-Collagen und Acrylbilder mit New Yorker Motiven.

Coaching für einen Krimi

Als Schauspielerin muss man viel sprechen und gestikulieren, mitunter auf Kommando lachen oder weinen und manchmal eben auch malen. Vivian alias Julia Brendler malt sich die drückenden Gefühle von der Seele - irgendwo an Englands Küste. Julia Brendler ist eine Schauspielerin, die in jeder Rolle auf Autentizität achtet. Deshalb bereitet sie sich auf jede Filmsequenz gut vor, so auch auf die Darstellung einer Aquarellmalerin. Es hat mir großen Spaß gemacht, Julia Brendler als sympatische junge und neugierige Frau kennen zu lernen und sie für Ihre Rolle im Krimi fit zu machen.

Ausstellung in der Kunstschranne

11.06.2016 - 19.06.2016

Über 170 Künstlerinnen und Künstler hatten sich für den 2. Weissenburger Kunstpreis 2016 beworben, von denen 27 für die Ausstellung in der Kunstschranne nominiert wurden. Zu dieser einwöchigen Ausstellung wurden auch von mir Arbeiten ausgestellt.

Zu den Künstlern sprach Professor Günther Köppel, Kunstprofessor und Kulturbeauftragter der Stadt Eichstätt.